10. April bis 10. Mai 2026
Gertrud Niedermair, Rosa Pfluger
Gertrud und Rosa
Freitag, 10. April, 19 Uhr: Eröffnung | Musikalische Begleitung von Harfenistin (und ebenfalls Großnichte von Gertrud) Sophie Kreuzer.
Sonntag, 10. Mai, 15 Uhr: Finissage | Künstlerinnengespräch
Öffnungszeiten
Freitag 18 – 20 Uhr
Samstag 16 – 20 Uhr | Sonntag 15 – 18 Uhr

Großtante und Großnichte, zwei völlig verschiedene Generationen, zwei komplett unterschiedliche künstlerische Werdegänge. Malerei trifft auf Installation. Und doch eine gemeinsame Leidenschaft: Das Sehen, das Schauen und das Staunen.
Die Idee
Gertrud und Rosa sind Großtante und Großnichte, die wohl einzigen Künstlerinnen ihrer Familie. Zwei völlig unterschiedliche Generationen, zwei komplett verschiedene künstlerische Ausbildungen: Gertrud entwickelte ihre künstlerische Praxis erst spät, autodidaktisch oder in Malkursen; Rosa hat an der Akademie der Bildenden Künste München studiert. Rosa kam schon früh mit Gertruds Malerei in Berührung und Gertrud war für sie wohl die erste echte, greifbare Künstlerin.
Beide blicken zurück: Gertrud auf jahrzehntelange malerische Praxis, Rosa auf ihr gerade abgeschlossenes Studium. Zum ersten Mal stellen sie ihre Arbeiten gegenüber: Welche Themen ähneln sich, welche Stimmungen tauchen immer wieder auf, welche Herangehensweisen sind gleich? Und jetzt: wollen sie endlich gemeinsam ausstellen.
Das Konzept
Wie lange dauert ein Blick?
Das zentrale Thema, das Gertruds und Rosas Arbeiten verbindet, ist das Sehen an sich. Das Schauen auf eine Umwelt, die nie einfach so da ist, sondern die erst entsteht, indem man sie ansieht; die wahrgenommen werden will und mit der gearbeitet werden kann. Gertruds Umweltbetrachtung ist momenthaft und tiefenzeitlich zugleich. Sie ist immer gegenwärtig, in Malerei gebannt und daher gänzlich zeitlos. Ihre Bilder sind direkt und erschließen sich meist auf den ersten Blick, im Bruchteil einer Sekunde. Gleichzeitig fangen ihre zahlreichen Farbschichten und unerwarteten Kompositionen den Blick ein und verzögern, verlängern den Moment der Wahrnehmung. Ihre Motive sind abstrahiert, typologisch, geradezu monolithisch: Es ist nie nur diese eine Blume gemeint, sondern die Blume an sich, und die Erfahrung, die ihre Betrachtung ist. Sie ist genauso essentiell wie ein Berg, genauso körperlich wie eine Wurzel, die an einen Torso erinnert, so individuell wie ein Profil und so simpel wie die Sonne.
Obwohl Rosa ganz anders, nämlich z.B. mit gefundenen Bildern aus Astronomie-Fachzeitschriften der 1980er und 90er Jahre arbeitet, die teils gigantische, teils amateurhaft selbstgebastelte Teleskope zeigen, kommt sie zu ähnlichen Ergebnissen: Es ist das Sehen (die Optik), das Schauen (das Performative) und das Staunen. Und der Faktor Zeit: In ihrer Collage aus Weltraumbildern aus ebendiesen alten Zeitschriften (3 x 4 m) werden durch Langzeitbelichtungen Lichtstrahlen aufgefangen, die Abertausende Lichtjahre unterwegs waren. Das Sehen ist hier kein aggressives Starren, sondern ein passives, hochempfindliches Auffangen und Speichern kleinster, größter Informationen.
Lässt sich eine Installation malerisch denken? Lässt sich eine Malerei installativ denken?
Und was bedeutet Familie in der Kunst? Können Ideen verwandt sein?
Die Umsetzung
Die Alte Brennerei in Ebersberg ist kein anonymer Galerieraum, sondern ein Raum, in dem gearbeitet wurde und der im Bezug zur lokalen Landwirtschaft stand. Entsprechend möchten Gertrud und Rosa die Alte Brennerei auch als einen Arbeitsraum denken, in dem ihre doch sehr unterschiedlichen Arbeiten aktiv aufeinander einwirken können. So sollen Gertruds Bilder an der Wand nicht einfach Rosas Installationen im Raum einrahmen, sondern inhaltliche Brücken bauen und unterschiedliche Zugänge anbieten.
Dadurch will die Ausstellung sowohl Liebhaber*innen der Malerei, als auch der multimedialen Installationskunst ansprechen und zusammenbringen. Durch Gertruds und Rosas Zusammenarbeit treffen unterschiedliche Generationen und unterschiedliche Arten der künstlerischen Ausbildung aufeinander – diese Bandbreite wünschen sie sich auch im Publikum.
Gertrud Niedermair
(geb. in Straußdorf) lebt und arbeitet in Spielberg bei Glonn, in unmittelbarer Nähe zur Landwirtschaft und Natur. Sie fand erst spät zur Kunst: Ab 1996 nahm sie, zusammen mit Freundinnen, immer wieder an unterschiedlichen Malkursen teil (Münchner Bildungsweg, VHS, etc.). Es schlossen sich mehrere Malreisen an; eine Reise nach Irland brachte den Entschluss, bei der Malerei zu bleiben. Von ihren ausschließlich weiblichen Lehrerinnen prägte sie vor allem Elke Lausberg und ihre abstrakte Malerei mit psychologischer Grundlage. Nach Aquarellkursen, z.B. am Gardasee, blieb Gertrud bei der Acrylmalerei als ihrem bevorzugten Medium: Hier sind größere Formate und ein schier unendliches Übermalen und Aufbauen von opaken oder transparenten Schichten möglich. Abgesehen von wenigen Akzenten in Ölkreide sind ihre Bilder immer in durchscheinenden Lagen harmonischer Farben aufgebaut, wie aus unterschiedlichen bunten Glasflächen oder zarten, übereinandergelegten Stoffen. Der Bildträger ist meist Leinwand, manchmal Sperrholz. Die Konturen der Bildgegenstände sind stets weich, verlaufen oder ausgefranst: Es geht um die Übergänge, um die Gemeinsamkeiten. Und um die Ränder, in denen oft viel geschieht; fast nie jedoch um den Rahmen: Gertruds Bilder sind freie Farbflächen, die den Kontakt zu ihrem Umraum suchen. Ihre großformatigen Bilder (das kleinste misst 40 x 50 cm, das größte 150 x 100 cm) handeln von abstrahierten Landschaften, Flora und Fauna, Figuren und skulpturalen Objekten, oder nähern sich der Gegenstandslosigkeit an.
Gertrud malt nicht nach Termin, für andere, für Ausstellungen, Aufraggeber*innen oder zu vorgegebenen Themen. Sie malt genau dann, und nur dann, wenn alles stimmt: Das Licht, ein in ihrem Inneren entstandenes Motiv und eine ganz bestimmte Stimmung, die sich durch alle ihre Bilder zieht. Sie ist immer gut informiert über das weltpolitische Geschehen, beobachtet es mit Sorge oder nimmt die Ironie und die Widersprüchlichkeiten menschlichen Tuns wahr. Ihre Bilder sind das Gegenteil davon, ein überzeitlicher Schutzraum, eine sonnige Fensterbank. Indem sie duftige Farbwolken auf samtige, aber gerade gezogene Linien stoßen lässt, Rundes mit Kantigem konterkariert, und besuchte und imaginierte Landschaften verschmelzen lässt, ist sie eine Malerin im wahrsten Sinne des Wortes. So malt sie Landschaften, Pferde, Blumen und Frauen – oder ganz abstrakt. Gertrud ist die einzige Malerin, die es schafft, dass Blau eine warme Farbe ist.
Rosa Pfluger
(geb. 1997 in Ebersberg) lebt und arbeitet in Pöring bei Zorneding, ebenfalls in direkter Nähe zum landwirtschaftlichen Betrieb ihrer Familie. 2017 bis 2024 studierte sie Kunstpädagogik an der Akademie der Bildenden Künste in München. Ihre Arbeiten spiegeln ihr Interesse für Landwirtschaft, Bionik, Optik und Raumfahrt, aber auch bayrische Volksmusik, katholische Symbolik und DIY-Strategien wider. Sie nehmen die Form von kulissenartigen Installationen, benutzbaren Objekten, experimenteller Fotografie, Found Footage und Sound an. Besonders die Übergänge und Zwischenräume so unterschiedlicher Disziplinen wie Landwirtschaft und Raumfahrt werden dabei künstlerisch produktiv gemacht. Indem sie mystische Narrative wie die Himmelfahrt wörtlich nimmt und aus einer designtheoretischen Perspektive beleuchtet oder zunächst rein formelle Ähnlichkeiten auf inhaltliche Verwandtschaften zurückführt, deutet sie Naivität als bewusste Strategie des Erkenntnisgewinns um und verbindet unterschiedlichste Themenfelder, Wertesysteme und Materialästhetiken auf poetische Weise. Gesellschaftspolitische Anliegen wie die Demokratisierung und Entkommerzialisierung des Himmels bilden dabei den Hintergrund ihrer Recherchen.
Rosa ist eine Dilettantin und Sammlerin. Sie liebt es, Dinge zum ersten Mal zu tun und lässt sich gerne immer wieder neu faszinieren. Sie sammelt Wespennester, alte Fotopapiere, Zithern, Löwenzahnsamen, Bücher und noch so einiges mehr. Ihre Musen sind z.B. der alte Mähdrescher, den ihr Bruder als Ersatzteillager für den eigenen, noch älteren Mähdrescher angeschafft hat, sowie eine umfangreiche Sammlung alter Weltraummagazine, die ihr der niederbayrische Maler Ulrich Tyroller geschenkt hat. Sie kann am besten arbeiten, wenn sie sich vorstellt, eine verrückte Wissenschaftlerin zu sein. Ihre Arbeiten müssen eine Notwendigkeit haben – jemand muss es ja machen, so und nicht anders. So kommt es auch, dass sie alles macht, außer Malerei: Eine weiße Leinwand gäbe ihr zu viele Möglichkeiten. Gerade forscht sie zu Kernfusion, Schöpfungsmythen, diversen Methoden der Himmelfahrt als Alternative zur lauten und stinkenden Raumfahrt und Wegen der Übermittlung von Frequenzen. Seit kurzem kann sie häkeln und morgen will sie löten lernen.
Ausstellungsbesprechungen
